Der Remote Worker und sein Universum

Der Remote Worker und sein Universum

Mein Name ist Timo Niederberger. Ich bin ein „Remote Worker“ und als Dienstleister im Auftrag meiner Kunden deutschlandweit unterwegs. Ich bin als Workplace Developer Mitarbeiter bei projekt//partner. Je nach Beratungsmandat, coache ich Menschen und berate zu Themen wie beispielsweise Desk Sharing, unterstütze Organisationen bei der Besiedlung von Büros, moderiere Workshops mit Nutzervertretern oder inspiriere Unternehmerinnen und Unternehmer zum Thema: „die Zukunft des physischen Ortes der Wissensarbeit“.

Was ist der größte Vorteil eines Remote-Jobs?

Heute Hamburg, morgen Dortmund, München, Stuttgart?

Oder doch lieber von zuhause?

Mobil, remote oder im Büro, entscheidet sich je nach Tätigkeit und hängt auch davon ab, ob vom Kunden ein physischer Termin gewünscht wird. Einsparpotential von Zeit und Geld, sowohl für den Kunden als auch für den Arbeitgeber. Außerdem ermöglichen Flexible Arbeitszeiten direkte Reaktions- und Aktionsfähigkeit auf Kundenwünsche und Vereinbarungsmöglichkeiten privater Aktivitäten.

Was ist die größte Herausforderung für einen Remote Worker?

Heute sind Video Calls so selbstverständlich, wie der physische Termin bei Kunden.

Das Schöne ist, die Freiheit zu haben selbst und mit dem Kunden gemeinsam zu entscheiden, ob man sich persönlich oder via Teams verabredet. Ich halte es persönlich so, dass ich im 14-tägigen Rhythmus die Standorte und damit die Kollegen/innen im Norden, Westen sowie im Süden persönlich treffe. Ein guter Weg alle Bedürfnisse einer produktiven Arbeit zu vereinbaren.

Meiner Meinung nach kann das persönliche Treffen nur schwer durch einen Video-Call ersetzt werden. „Wir sind Herdentiere“. So beschreibt uns zumindest Yuval Noah Harari in seinem Sachbuch „Eine kurze Geschichte der Menschheit“

Und genau so ist es auch. Die persönliche Begegnung inspiriert mich immer wieder aufs Neue. Nur rein aus dem Home-Office zu arbeiten würde mich, wie auch 20% der Befragten, in die Vereinsamung treiben.

Ja es gibt Themen, wie etwa diesen Text zu schreiben, die den Bedarf und Daseinsberechtigung für „Deep-Work“ fordern. Also braucht es Orte für konzentrierte Tätigkeiten. Aber, ob das dann das Home-Office ist, oder ob man seine Gedanken bei einem Spaziergang im Wald in ein digitales Endgerät spricht, überlässt einem dann die Freiheit, es selbst zu entscheiden, an welchem Ort man am produktivsten ist. Es braucht eine Menge Eigenverantwortung und Selbstmotivation, aber auch den Mut irgendwann Feierabend machen zu können.

Ist das jetzt „New Work“?

Ja! Man ist nur dann gut, wenn man es wirklich, wirklich will. Wenn wir intrinsisch motiviert sind! Und das ist, was wir unter dem Begriff „Neue Arbeit“, „Neue Kultur“ verstehen. Wie ihn Friedjof Bergmann bereits in den 70er Jahren geprägt hat.

Ja es ist ein Traumjob! Oder nah dran. Es ist wohl der zweitbeste Job, den ich je hatte. Wie der beste Job aussieht? Das kann man wohl erst nach seiner beruflichen Karriere resümieren. Denn erst im Rückblick lässt sich alles zusammenfassen und evtl. ein Fazit ziehen.
Genau so funktioniert es!  Wir können nur rückblickend entscheiden, was gut war oder was nicht funktioniert, uns nicht gut getan hat. So haben wir auch in der Vergangenheit unsere Büros geplant. Und wie ist es heute?

Wir planen Orte der Arbeit aus den Erfahrungen der vergangenen 100 Jahre.

Doch die Transformation der Orte von Wissensarbeit wurde noch nie so heiß diskutiert wie heute.
In den vergangen 50 Jahren gab es kaum so einen Wandel im Büro, wie in den letzten fünf Jahren. Jeder Büro- und Wissensarbeiter/in ist spätestens im vergangenen Jahr 2020 in den Genuss von mobiler Arbeit gekommen. Nicht immer ist das jedem leichtgefallen. Aus technischen oder unternehmenskulturellen Gründen konnte nicht jeder von zu Hause aus arbeiten.

Aber wir mussten/ sollten und tun es noch immer. Wir wandeln ab, was neue Gegebenheiten uns lehren verändern zu müssen. Es fühlt sich an, als wären wir gerade dabei laufen zu lernen. Die Digitalisierung ist in den Kinderschuhen und muss immer schneller vorangetrieben werden. Zum Glück!

Wir alle sind ins kalte Wasser geworfen worden und haben angefangen mit den Armen zu rudern. Es geht schneller denn je.

Neuland?

Nicht für alle, denn es war absehbar, die Trends haben diesen Weg bereits umrissen.
Klar, das Büro als physischer Ort der Arbeit steht auf dem Prüfstand. Warum benötigen wir noch so viele Schreibtische, wenn wir nur noch eine Anwesenheitsquote von 50% haben? Das war anders als 2019 nur 2 von 10 Mitarbeitern von zu Hause ausgearbeitet haben. Ab März 2020 waren es 9 von 10. Das nun, ein Jahr weiter, im Jahr 2021 nicht mehr jeder im Büro einen festen Schreibtisch benötigt, leuchtet ein.

Wenn wir zwei, evtl. drei Tage mobil, von zu Hause aus oder an anderen Orten arbeiten können, hinterfragen Arbeitgeber, warum sie Millionen von Euros in die Miete von leeren Räumen investieren sollten.

Aber Menschen sind soziale Wesen. Wir brauchen die Gemeinschaft. Wir haben Lieblingsplätze und die meisten haben feste Routinen. Auch ich als Remote Worker setze mich auch oft an den gleichen Platz, wenn ich an einem bekannten Ort ankomme. Dennoch vermeide ich es, mein Handtuch auszurollen, denn mir ist klar, dass ich hier Gast bin und diesen Arbeitsort nur für eine bestimmte Zeit  okkupiere.

Es ist meist abhängig vom Grad der Zusammenarbeit. Und es braucht ein Spielsystem, sogenannte Spielregeln, nach denen ich mich bewegen kann. An öffentlichen Orten sind uns diese Spielregeln unbewusst klar. Wie verhalte ich mich im Zug, oder wenn ich im Foyer eines Kunden arbeite? Wie ist es im Office? „Ein guter Gast fällt nicht zur Last!“

Kultur isst die Strategie zum Frühstück, soll ein McKinsey Berater mal festgestellt haben. Ich stelle fest, es benötigt freundliche Kommunikation mit den Kollegen/innen und ein offenes Wort des Austauschs, dann ergibt sich das ein oder andere sehr schnell und wir adaptieren die gelebte Unternehmenskultur rasch.

Viele suchen konkret den Austausch, damit ist Offenheit gegeben. Es macht wenig Sinn hunderte Kilometer zu fahren, um sich dann zur Vereinsamung vor den Rechner im Büro zu setzen. Also lohnt es sich selbst zu fragen, wozu komme ich heute ins Büro und was sind meine Aufgaben? Wie komme ich voran und für welche Themen ist der persönliche Austausch zwingend erforderlich? Oder spare ich wertvolle Zeit für die Fahrt ins Büro und gehe sofort motiviert in das mobile Home-Office und arbeite produktiv und gerne in gewohnter Umgebung?

Remote Worker oder Hybrid Worker?

Arbeit ist mehr, als eine Verabredung mit Kollegen zum Kaffee im Büro. Wenn ich ins Büro gehe, dann ist 1/3 des Tages bereits verplant. „Auch Du bist nächste Woche im Büro? Ja dann lass uns auch einen Termin vereinbaren und wir besprechen die Themen XY.“ Thema Z, der Rest des Tages wird flexibel und agil für Austausch und spontane Zusammenarbeit genutzt. Frei nach dem Motto: „Gut, dass ich dich treffe, hast Du gleich Zeit, dass wir uns besprechen?“ Wenn hier genügend Zeit eingeplant wird, dann fühlt es sich auch gut an und man gerät nicht in den Stress-Hurrikan, der uns gerne durchs Leben fegt.

Aber auch hier braucht es aus meiner Erfahrung klare Vereinbarungen, mit den Vorgesetzten und den Kollegen. Wenn es im Büro spontan nicht passt, dann bleiben uns gute fünf bis zehn unterschiedliche digitale Remote-Kanäle, die uns in der Kommunikation mit den Kollegen unterstützen. Das ist bei Kunde und Kollegen verschieden und auch hier gilt es den Überblick zu wahren. Eine Studie über Remote-Tools zählte heute schon weit über 500 Anbieter dieser digitalen Helferlein. Anbieter sind etablierte Player wie Cisco, Microsoft, Slack oder WhatsApp. Hier drängen viele Start-ups auf den Markt, von denen den meisten eine echte Überlebenschance zugesprochen wird. Welche davon sich nachher am Markt durchsetzen können, hängt von der Usability ab. Nur was angenommen wird und funktioniert, bzw. eine breite Anwendung findet, bleibt bestehen.

Als Gegenpol bleibt uns noch der physische Ort und gute Architektur, die uns Menschen inspiriert. Mir geht es so, wenn ich Menschen begegne, dann fallen mir tausend Dinge ein, die es spontan zu besprechen gibt. Denn so holen wir uns direktes Feedback, um sehr schnell zu entscheiden, welche Ideen wir verfolgen, an welchen wir weiterarbeiten oder welche auch mal wieder in der Ideenschublade verschwinden, bis der richtige Zeitpunkt dafür gekommen ist.

„Remote“ bedeutet nicht nur digital. Es muss hybrid gedacht werden!

Produktivität und Kreativität

Weitere Motivatoren, die nicht zu unterschätzen sind, sind die vielen neuen digitalen Helferlein. Niemals war ich so produktiv, wie mit meinem neuen Mac Book. Es motiviert mich sehr, denn: Es funktioniert intuitiv, korrigiert meine Rechtschreibung, hilft mir bei der Terminplanung und ist die Plattform für Apps und Algorithmen.

Aber wirklich kreativ bin ich im Co-Working Modus mit Kollegen, Kunden, die mich in meinem täglichen Tun, fördern und fordern.

Im Büro oder im Co-Working Space, in denen ich auf echte Menschen treffe, geht es erst richtig rund. „Ach so…, dass meintest du!“. „Hast du auch schon gehört, dass…?“ Ein Smalltalk, der anregt und inspiriert ist und bleibt wertvolles Gut!
„Ja, das war eine großartige Erfahrung“, bestätigen mir Kunden, wenn ich mit Ihnen auf Office-Safari bin. Ein direktes Feedback, persönlich und vis-a-vis. „Jetzt habe ich verstanden, warum das Unternehmen so arbeitet.“ Die physische Erfahrung lässt uns spüren, warum der Raum einen enormen Einfluss darauf hat, wie wir uns im Büro bewegen und begegnen. Wenn wir räumliche Umgebungen digital erklären, sind die Bilder in meinem Kopf andere als bei meinem Gegenüber.

Aber die gemeinsame Erfahrung, quasi die gleiche Basisrealität im Raum, unterstützt die Wahrnehmung enorm. Selbst hier achtet jeder auf ganz unterschiedliche Details, wie z.B. Licht, Akustik, Temperaturempfinden. Eben das, was ihn persönlich betrifft. Es sind die Qualitäten, die eine Lokation ausstrahlt. Im Grunde ist es die Aufenthalts Qualität eines Ortes, die uns lange bindet oder schnell wieder ausspuckt.

So heißt es für mich als Remote Worker, morgen Düsseldorf, Dortmund und Bochum und am nächsten Tag wieder Home-Office.

Es hat geregnet, die Erde ist noch feucht.

Noch nie war es so leicht für Veränderungen. Unkraut zu jäten, seine Felder neu zu bestellen. Neue Pflanzenarten auszuprobieren oder einfach seine Erfahrungen beim Anbau neuer Themen zu sammeln. Es geht um lebenslanges Lernen, Neugierde und um Mut neue Dinge anzupacken. Herauszufinden was uns Menschen nützt. Auch wenn Unternehmen die Investition in Orte scheuen. Nachverdichten, war nie eine gute Lösung für Arbeitsorte der Büroarbeit. Es braucht Orte für das eine und das andere. Es hilft ein Coaching von Personen, die bereits diese Modelle aktiv leben. Es bedarf Mentoren, dich sich auf einen Weg machen und es wird noch viele geben, die diesen Menschen folgen. Remote, Hybrid oder doch lieber die gewohnte Routine, benötigen starke Orte des Wohlbefindens. Aber ob diese Orte dann noch aussehen, wie das „Büro“, welches wir aus der Zeit des Taylorismus kennen? Die Antwort kennen wir bereits, dieses Kapitel (Jahrhundert) werden wir hinter uns lassen!

Quellen: Infografik von Kai Kullen und Silke Weber, Zahlen und Studien aus dem Magazin: Die Zeit „Arbeit“ mein Job, mein Leben

Mapping the universe of Remote Work, Raphael Gielgen

2 Kommentare
  1. Isabella Simmel
    Isabella Simmel sagte:

    Wow, das ist wirklich extrem cool! Ich hab bisher noch niemanden getroffen der als Remote Worker arbeitet, aber ich bin mir absolut sicher dass das in Zukunft bestimmt mehr werden wird. Gerade jetzt auch durch die Corona-Pandemie, wo ein riesen Schritt in Bezug auf Digitalisierung und Homeoffice in den meisten Unternehmen gemacht wurde. Auch in meiner Firma soll es jetzt flexibler werden, sodass alle Mitarbeiter drei Tage im Büro und zwei Tage im Homeoffice sind. Dafür soll ich eine Präsentation für eine Schulung vorbereiten, in der wir alle nochmal Tipps für die Arbeit im Homeoffice kriegen und wie wir trotzdem gut zusammenarbeiten können. Dein Artikel war so inspirierend, daraus werde ich definitiv auch einiges einbauen 🙂
    Ein großer Teil meiner Präsentation sollen Tipps für Calls sein, die wir dann vom Homeoffice aus führen werden. Ich habe schon ein paar Tipps gefunden (z.B. https://www.ifb.de/news/10-tipps-fuer-digitale-verhandlungen-als-betriebsrat/4938), hast du noch aus deiner Erfahrung ein paar Tipps und Ratschläge?
    Nochmals danke für deinen inspirierenden und beeindruckenden Text.
    LG Isabella

    Antworten
    • Franziska Sticht
      Franziska Sticht sagte:

      Hallo Isabella,
      vielen vielen Dank für deine ausführliche Rückmeldung. Wir freuen uns sehr über dein Feedback!
      Klasse, dass deine Firma diesen Schritt geht. Gerne würden wir dich unterstützen. Schreib mir doch mal eine Mail an f.sticht@storer.de, dann können wir uns zu dem Thema weiter austauschen und unser Remote Worker hilft dir sicherlich auch gerne weiter.
      Viele Grüße

      Antworten

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